Sinan hatte einen schweren Stand bei der Schülerhasserin. Er tat mir abgrundtief Leid und ich hatte nicht selten Mühe, meine Traurigkeit vor ihm zu verbergen. Ich wollte ihn durch meinen Gefühlszustand nicht noch trauriger machen. Sinan brauchte positive Unterstützung, Optimismus und Hoffnung.
Natürlich hatte Sinan bei der ganzen vertrackten Situation längst auch bei seinen Mitschülern einen schweren Stand. In seiner Ohnmächtigkeit gegenüber den Schikanen und Unfähigkeiten seiner Klassenlehrerin hatte er angesichts der Anfeindungen, die sich aus dem Kreis der Kinder ihm gegenüber ergeben hatten, selbstverständlich falsche Schlussfolgerungen gezogen und Reaktionen gezeigt. Darauf richtig zu reagieren gelingt Erwachsenen kaum. Nur mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein und Analysefähigkeit ist ein Erwachsener in der Lage, darauf entsprechend zu reagieren. Doch ein Kind kann so etwas in keinem Fall und wird immer zwangsläufig damit beginnen, um sich zu schlagen. Es ist doch kein Wunder, wenn ein Kind jeden Tag aufs Neue bloßgestellt und von allen ausgelacht wird. Die anderen Kinder machten sich einen Spaß daraus und waren sicher froh, dass nicht sie zum schwarzen Schaf gemacht worden waren. So hatten sie einen Sündenbock, der für alles und jedes die Verantwortung hatte und stets die Schuld trug, wenn irgendetwas falsch lief oder kaputt ging.
Die Unfähigkeiten von Frau Döselig hatten für Sinan eine verheerende Wirkung. Sie verfügte einfach nicht über die pädagogischen Geschicklichkeiten, einem Kind wie Sinan positive Anreize für eine Verbesserung seiner Leistungsbereitschaft zu geben, geschweige denn, eine seiner Person gegenüber zusagende Haltung einzunehmen, die auch bedeuten würde, ihm im richtigen Maß Einhalt zu gebieten, wenn er einzelne Themen und Sachverhalte bis zum Exzess durchdiskutieren wollte. Längst schon glaubte der kleine Kerl, dass er nicht ganz richtig im Kopf sei und sich die ganze Schulwelt gegen ihn verschworen hatte.
Die übrigen Kinder hatten sich mit Frau Döselig gegen Sinan solidarisiert, so war zumindest das Gefühl unseres Sohnes. Er berichtete auch von Übergriffen seiner Mitschüler gegen seine Person, die er auf diesen Umstand zurückführte. Er brachte es deutlich zum Ausdruck, dass sich die anderen Kinder völlig sicher fühlen konnten und durften, weil sie nicht so schlecht gemacht wurden wie er. Es gab Geschichten aus seinem Mund, in denen er beschrieb, dass versucht worden war, ihn in einen Müllcontainer zu stecken. Unter den Augen der Hofaufsicht seien mehrere Kinder aus seiner Klasse gekommen, vor allem Jungs, die versucht hatten, ihn zu packen und in den Müll zu werfen, natürlich unter den entzückten Begeisterungsrufen rosa bekleideter Mädchen mit Schleifen im Haar.
Eines Abends, kurz vor dem gemeinsamen Essen, hörten wir Einschläge an der Außenmauer unseres Hauses und wussten zunächst gar nicht, woher diese Einschläge stammten und welchen Grund sie hatten. Sinan blickte ängstlich nach draußen und Pascal suchte sofort Schutz auf Sarahs Schoß.
Ich blickte so schnell es ging durch das nächstgelegene Fenster, konnte aber nichts erkennen. Erneut waren weitere kleine Einschläge vernehmbar. Wenn nicht helllichter Tag gewesen wäre, hätte ich mich wahrscheinlich selbst gegruselt, so aber galt es, den offensichtlichen Attacken gegen das Haus auf die Spur zu kommen. Bisher war noch nichts wirklich beschädigt worden, jedenfalls soweit ich es beurteilen konnte. Ich rannte in die erste Etage und sah von Sinans Zimmer aus, das einen Blick auf die Wiese mehrerer Mehrfamilienhäuser einer Wohnungsbaugesellschaft ermöglichte, hinter großen Tannen, die neben einem Zaun unser Grundstück begrenzten, einige Kinder Deckung suchen. Leider verhinderten die Bäume einen uneingeschränkten Blick und ich kam viel zu spät nach draußen, um mir die Kinder, die sich dort zunächst verborgen hatten, aus der Nähe anzusehen.
Draußen jedoch sah ich, was angerichtet worden war. Unsere Hauswand war zum Wurfziel von Dreckklumpen geworden. Die ganze Mauer war übersäht mit den Spuren. Unglaublich, wir waren mit Dreck beworfen worden. Zu gerne hätte ich die dafür Verantwortlichen in die Hände bekommen, nicht um sie zu schütteln, sondern um sie nach ihrem Grund zu befragen. Leider war es nicht bei der Verunreinigung der Hauswand geblieben. Durch gekippt stehende Fenster war der Dreck auch ins Innere unseres Hauses geraten und die Reinigung nahm einige Zeit in Anspruch. Pascal hatte sich schnell wieder beruhigt, doch Sinan blieb mit Ausdauer aufgeregt und aufgebracht. Er musste zunächst den ganzen Vorfall rauf und runter diskutieren sowie die Möglichkeiten polizeilichen Eingreifens hinterfragen.
Einige Tage vergingen. Während ich unter dem Dach am Schreibtisch saß, die Kinder in ihren Zimmern spielten und Sarah im Wohnzimmer telefonierte, wiederholten sich die Einschläge. Dieses Mal war ich schneller und konnte von Sinans Zimmerfenster aus die Übeltäter entdecken, die sich wieder und wieder bückten, um aus der vom Regen durchweichten Erde Dreckklumpen zu formten, und sie anschließend im hohen Bogen gegen unsere Hauswand zu schleudern. Dabei handelte es sich tatsächlich um Kinder aus Sinans Klasse, ausnahmslos. Deutsche und türkische Jungen machten sich einen Spaß daraus und hatten es dieses Mal besonders auf Sinans Zimmerfenster abgesehen.
Ich war übel erregt, mein Blut pulsierte in meinen Adern. Meinen Kopf scannte ich nach Möglichkeiten ab, die Jungen einerseits zu stellen und andererseits die Beweggründe für ihr Handeln herauszubekommen. Doch während solcher Erregungszustände bin ich selten diplomatisch und ich erkannte die Grenzen meiner Chancen, die kindlichen Täter zur Rechenschaft zu ziehen.
Sinan kam mir zuvor. Er rannte an mir vorbei die Treppe herunter, schwang sich in Jacke und Schuhe, riss die Haustür auf und lief mit wehenden Haaren um die Ecke des Zaunes. Mut hatte er ja, fand ich und beobachtete vom Arbeitszimmerfenster den weiteren Verlauf der Geschehnisse. Mein Blutdruck konnte ich zwar auf ein normales Maß absenken, jedoch blieb meine Aufregung auf hohem Level erhalten. Selbst mein Atem störte mich, weil ich fand, dass er zu laut war, um die unten gesprochenen Worte zu verstehen.
Sinan wagte sich auf unsicheres Terrain. Bewundernswert, fand ich. Geglaubt hatte ich, dass sich unser Sohn einem wütenden Stier gleich gegen die Angreifer werfen würde, doch von Attacke seinerseits schien er weit entfernt zu sein. Ganz im Gegenteil. Er war nicht eben freundlich in seiner Art der Ansprache an die anderen Kinder, vermied jedoch die ganze Palette an Schimpfworten, die er kennen gelernt hatte, seit er in die Schule gekommen war und von denen er höchstens die Hälfte mit Sinnhaftigkeit und Verständnis hätte füllen können.
Weil ich nicht ganz auf meine Atmung verzichten konnte, bekam ich nur Bruchstücke der Unterhaltung mit. Jedoch genug, um den Grundtenor des Gesprächs der Kinder zu verstehen.
Zunächst machte Sinan die Kinder auf die Gefahr der staatlichen Sanktionen durch die Polizei und das Jugendamt aufmerksam und setzte sie auch von dem hohen Maß meiner Wut in Kenntnis.
„Ist uns doch egal, du Looser!“, bekam er wie aus einem Mund um die Ohren gehauen.
„Ich möchte, dass ihr damit aufhört. Unser ganzes Haus ist schon verdreckt und die Klumpen sind bis in mein Zimmer, bis in mein Bett geflogen.“
Die Kinder, die nicht aus dem nahen Umfeld der Nachbarschaft stammten, sondern aus ganz anderen Teilen des Schulbezirks, lachten heiser wie aus einer Kehle. Die negative Gruppendynamik war selbst in einigen Meter Höhe spürbar und löste bei mir tiefes Mitgefühl für meinen sieben Jahre alten Sohn aus, der sich der Meute tapfer gestellt hatte.
Sinan konterte: „Meine Mutter sagt, sie kennt euch alle und auch die Telefonnummern eurer Eltern. Sie wird euren Eltern sagen, was ihr hier für einen Unsinn treibt. Dann werde ich euch auslachen, wenn ihr auf der Leiter stehen müsst, um die Hauswand zu reinigen.“
Doch auch davon zeigten sich die Kinder, zumindest oberflächlich, unbeeindruckt. Manch einem, der wusste, dass er zuhause neben einer klaren Ansprache, möglicherweise auch Schläge zu erwarten hatte, mag die Aussicht auf elterliche Repressalien gar nicht gefallen haben. So etwas spielte aber unter diesem Gruppendruck keine offensichtliche Rolle.
„Du bist doch ein Versager“, brachte Niklas hervor, ein Junge, mit dem sich Sinan in den Tagen nach der Einschulung noch ganz gut verstanden hatte und der, zumindest an diesem Tag, zum Anführer der Bande geworden war. „Wir wollen dich nicht mehr in der Klasse haben. Frau Döselig hat auch gesagt, wir könnten erst dann richtig lernen, wenn du endlich nicht mehr auf der Sonnenblumen-Grundschule bist. Du musst dich verpissen. Sie sagt, du kannst nur stören und passt gar nicht in unsere Klasse. Auf die Sonderschule gehörst du und kannst sehen, wo du bleibst. Dann feiern wir ein Fest und Frau Döselig will Kuchen backen für uns, weil wir dich so lange ertragen haben.“
Sinan musste der Atem gestockt haben, denn ich hörte keine Reaktion von ihm. Allerdings vernahm ich, dass Sarah ein Fenster öffnete, Sinan nach Hause rief und die Kinder darauf aufmerksam machte, dass dies ihre letzte Chance sei, um sich ohne Information an ihre Eltern vom Acker zu machen.